Titelbild: Viktoriia Miroshyna, Olek (?)
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Das Ernst-Deutsch Theater bietet ab dem 19.6. nicht nur dem Bundesjugendballett eine Bühne für John Neumeiers Shall we dance?- Tanz zwischen den Kriegen, sondern hier tanzte am 4.6. auch, vom Hamburger Kammerballett getanzte die Uraufführung von Edvin Revazovs Ballett Lulu , statt. Revazov, Erster Solist des Hamburg Balletts gründete das Hamburger Kammerballett, um Tänzer*innen,die aufgrund des Angriffskrieges Russlands auf die Ukraine, ihre Heimat verlassen mussten, zu unterstützen.
Zitat aus dem Programmheft zu „Lulu“: „Derzeit umfasst das Ensemble sechs herausragende Tänzer*innen, die mit jeder Performance Emotionen wecken und Geschichten erzählen. Das Hamburger Kammerballett steht für Kunst, die bewegt – persönlich, politisch und poetisch.“ Dass dies ein treffendes Motto ist, bewiesen Revazov und seine Tänzer*innen zweifelsfrei.

Hört man den Namen Lulu in Bezug auf Theateraufführungen, denkt man, an Alban Bergs gleichnamige Oper oder auch an Frank Wedekinds Theaterstück Die Büchse der Pandora. Eines dieser beeiden Werke zumindest oberflächlich zu kennen, kann auf der einen Seite sicherlich beim besseren Verständnis von Revazovs Version helfen, auf der anderen aber auch eher verwirren, da Revazov auf alle Namen, außer den der Hauptfigur verzichtend, die Handlung komprimiert und auch abstrahiert. Aber gerade dies macht diese Lulu zu einer Besonderheit. Ja, ohne greifbare Rollennamen fällt es (mir) schwer, der Handlung ohne Schwierigkeiten zu folgen und ja, die Möglichkeit da Stück erneut zu sehen, machte diesen Bericht informativ und interessant zu gestalten, einfacher. Denn wie stets schwirren meine Gedanken und verändern sich und damit die vielen Eindrücke und Interpretationsideen, wächst die Angst Aspekte zu vergessen, etwas „falsch“ verstanden zu haben. Denn schon dem Orriginaltitel des Wedekind Stückes Die Büchse der Pandora kann man eine Doppelbedeutung zuordnen. Da ist zum Einen die, uns allbekannte Bedeutung, des Unglücks, das durch die offene Büchse in die Welt gelangt. Aber, die Sache mit der „Büchse“im Zusammenhang mit der Geschichte von Lulu, lässt doch vermuten, dass von ihrer Vulva , ihrer Weiblichkeit die Rede ist. Und dieses Spiel mit der eigenen Weiblichkeit, der Freude Begehren zu erwecken bis hin zum eigenen Tod

Zu Beginn sehen wir ein Mal real und dann übergroß auf einer Leinwand eine sich, verführerisch durch die Lamellen einer Jalousie, schlängelnde Frauenhand. In der Oper ist es der Tierbändiger, hier vielleicht eher ein Zuhälter, der Lulu den ersten Mann zuführt. Nah ihm nimmt sich Lulu immer neue Männer, spielt und kämpft mit ihnen. Einer von ihnen erhängt sich, ein anderer, sie scheint mit ihm verheiratet, erschießt sie im Streit, nachdem er aus Eifersucht auf seinen eigenen Sohn, gedroht hatte sich zu erschießen.Dann gibt es auch noch einen Unbekannten, dem sie sich hingibt und der sich letztendlich als Jack thee Ripper entpuppt, der sie und eine ,immer aus dem Hintergrund als Lulus rettender Engel agierende blonde Frau am Ende ermordet.
Edvin Revazov beweist ein Mal mehr sein Geschick als Choreograf, der durch seine Kunst Beschichten erzählen lässt und Charaktere, wie auch zwischenmenschliche Verhältnisse, durch Bewegung deutlich macht. Dabei beweist er viel Kreativität und Einfallsreichtum und weiß nicht nur jene Jalousie, sondern auch einen großen Tisch und zwei Stühle auf aufregende Art und Weise spannend in die einzelnen Tanzszenen einzubauen. So schlängelnd sich . Viktoria Mirroshyna (Lulu) im ersten Pas de deux mit ihrem Partner über den Bühnenboden, ganz wie das seine Opfer in den Bann ziehende Reptil. Später liefert sie sich, mit jenem Mann, dessen Tod sie später verursacht, einen fesselnden Tanzkampf über den Tisch hinweg. Spannend auch die Verführung, die Hingabe an den Fremden, der sich als Jack The Ripper entpuppt am offenen Fenster.

Auch Revazovs Musikauswahl hat einen gewissen Symbolcharakter. Das Stück beginnt mit Lou Reed/Metallicas „Cheat on me“ und beinhaltet unter anderem auch Andante und Allegro aus Alban Bergs Violinkonzert „Memory to an Angel“. Lulu ist ein Ballett das darum neugierig macht auf weitere Werke von Edvin Revazov, entließ es mich persönlich auch in einer verwirrten Stimmung. denn auch Hochgenuss empfand ich an diesem Abend, besonders dank der Leistung des Hamburger Kammerballetts.
Viktoriia Miroshyna(23) ist die Partie der Lulu auf den Leib geschrieben ,tänzerisch wie auch darstellerisch. Man(n) kann dieser Frau (Lulu) einfach nicht böse sein, ist ihre Kraft, ihre Freude an Verführung doch auf faszinierende Art mit einer unschuldigen Ausstrahlung gepaart. Miroshyna verführt uns das Publikum gleichermaßen, wie ihre Partner, mit ihrer Tanzkunst und ihrer vielschichtigen ,sensiblen Darstellung.
Aber auch alle anderen beweisen die Hochklassigkeit dieser wunderbaren Compagnie, die an diesem Abend von Nicolas Gläsmann, einem ehemaligen Kollegen Revazovs ergänzt wird. Gläsmann ist es, der mit Miroshyna in jenem „Tisch-Duell-Pas de Deux“ und dem Eifersuchtsdrama glänzt. Vladyslav Bondar überzeugt in dieser Szene als verliebt-faszinierter Sohn und zeigt später in einem langen Solo innere Zerrissenheit, Trauer, aber auch Reife.

Alisa Nikitina,die lange Zeit nicht viel mehr tut als über die Bühne zu schreiten oder Lulu in den Arm zu nehmen, hat eine starke Bühnenpräsenz, die selbst in diesen kleinen Momenten
Dass ich Oleksiy Grishun und Ihor Khomyshchak nicht wirklich ihren Partien zuordnen kann, beschämt mich ein wenig, doch kann ich mit Fug und Recht sagen, dass mich beide auf ganzer Linie überzeugten.
Wie es mir gelingen wird, allen Tänzer*nnen wirklich gerecht zu werden, weiß ich nach diesem Abend auf jeden Fall: So of wie möglich eine Vorstellung des Hamburger Kammerballetts besuchen! Zum Beispiel am 3., 4. 7. auf der Zeltbühne auf dem Altonaer Balkon mit dem Programm Kunstkammer. Mögen noch viele weitere Möglichkeiten folgen. Gerne würde ich auch Lulu noch ein Mal sehen, denn sicher gibt es noch vieles zu entdecken, empfinden, verstehen. Und nicht zuletzt, wie es bei der Premiere am Ernst Deutsch Theater geschah, zu umjubeln.
Birgit Kleinfeld, Vorstellungsbesuch 4.6.2025