Titelbild: Alessandro Lucia Frola (Mercutio), Erster Solist am Staatsballett Wien ab 2025/26
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Am 9.7., drei Tage nachdem die berührend getanzte Version von H.C. Andersens Die kleine Meerjungfrau die 50. Hamburger Balletttage eröffnete, verzauberte uns das Hamburg Ballett mit der berühmtesten Liebesgeschichte der Welt. Doch dieses Mal galt der tosende Applaus nicht allein den wunderbaren Protagonisten Louis Musin und Azul Ardizzone als Romeo und Julia, sondern auch Alessandro Lucia Frola, dessen mitreißenden Mercutio und dem unter die Haut gehenden, liebevollen offiziellen Abschied, den ihm seine Kollegen auf offener Bühne bereiteten. Denn Frola ist nach Jacopo Bellussi ein weiterer der fünf ersten Solisti*nnen, der das Hamburg Ballett mit Ende der Spielzeit, aufgrund des von Alexandr Trusch im NDR angesprochenen Verhalten Demis Volpis seinen Tänzern gegenüber, verlässt. Darum widme ich das Titelbild dieses Mal ihm, mit den besten Wünschen für die Zukunft und der Hoffnung, dass er vielleicht doch irgendwann zurückkehrt.

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Auch nach 54 Jahren noch jugendlich lebendig
John Neumeiers erste Fassung seiner Version von Sergej Prokofjews Ballett wurde 1971 in Frankfurt uraufgeführt. Gab es seitdem auch immer wieder so kleine Veränderungen bei Choreografie, Bühnenbild und Kostümen (beides Jürgen Rose), so blieb die Frische, die diese Produktion damals in die Ballettwelt brachte, bis heute erhalten und wirkt auch nach 54 Jahren keinesfalls „verstaubt“. Bei ihm haben nicht nur das Liebespaar und seine Freunde eine jugendliche Ausstrahlung. Auch Bruder Lorenzo ist ein junger Mann, keine pummeliger, ältlicher Mönch, die Elternpaare Montague und Capulet gleichen eher Teenagereltern unserer Zeit, als gesetzten älteren Herrschaften, wie es unter anderem noch in der legendären Produktion von John Cranko von1962 der Fall ist. Spannend auch die oft nicht gerade subtilen Anspielungen auf eine Liebschaft zwischen Tybalt und Lady Capulet, durch Küsse im Verborgenen auf dem Ball oder durch ihre Reaktion auf seinen Tod. Und schon in seinem ersten abendfüllenden Ballett zeigt Neumeier, was er später immer wieder gerne betont: „Ich will Menschen, die tanzen, auf der Bühne, keine tanzenden Menschen.“

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So lümmelt Romeo zu Beginn des Stückes vor dem Haus seiner da noch angebeteten Rosalinde herum, sein Freund Benvolio kommt gerade von einer Hure, zusammen mit ihrem Freund Mercutio zeigen sie sich immer wieder als charmante, übermütige „Schlingel“. Julias erster Auftritt, der ja bekanntlich im Badezimmer spielt, findet barfuß statt. Die Schausteller, die ebenfalls zum Freundeskreis Romeos gehören, sind nicht einfach nur mittelalterliche Gaukler, sondern wahre Schauspieler, die einmal die Geschichte Romeo und Julias erzählen, aber auch Bruder Lorenzo dabei behilflich sind, Julia die Wirkung des Giftes zu erklären, dass sie in einen todesähnlichen Schlaf versetzten und zu seinem Happy End mit ihrem Liebsten führen soll. Es gibt noch unzählige Beispiele dafür, dass hier tanzend eine Geschichte erzählt wird, anstatt dass die Geschichte dazu dient, zu tanzen.

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Eine Erinnerungswürdige Dernière
In Romeo und Julia steht gefühlt das gesamte Hamburg Ballett Ensemble auf der Bühne, sogar LLoyd Riggins, der stellvertretende Ballettintendant, verkörperte im ersten Bild, den Streit schlichtenden Herzog von Verona Escolus. Es gibt also so viel und so viele zu entdecken um ihre Leistungen zu würdigen. Wie die der Mitglieder der Schauspieltruppe: Charlotte Lazelere (Isabella), Gabriel Barbossa (Valentin), Emilie Mazon (Luciana), Viktoria Badahl (Lavinia), Illiya Zakrevskyi (Antonio) und last but not least Hinata Shinabukuro (Sebastian). Sie überzeugen alle auf ganze Linie und stehen für die wunderbar flachen Hierarchien am Hamburg Ballett, denn hier finden sich zwei Solistinnen, eine Gruppentänzerin, zwei Gruppentänzer und sogar ein Schüler zusammen. Letzterer, Hinata Shinabukuro, fiel durch akrobatisches Können und viel Charme besonders auf.

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Von edler Zurückhaltung, ein aufmerksam, einfühlsamer Partner, zeigt sich Solist Florian Pohl in der eher kurzen Partie als Julias angehender Ehemann Graf Paris. Olivia Betteridge, ebenfalls Solistin, besticht durch tänzerisches Können ebenso wie die Leichtigkeit, mit der sie der wegweisenden, doch verhältnismäßig kleinen Rolle der verschmähten Rosalinde, Format und einen arrogant-enttäuschten Charakter verleiht.
Matias Oberlin und Anna Laudere, beide erste Solist*nnen als Julias Eltern, bieten viel mehr als würdevoll elegante Bewegungen. Sie ist die auf Etikette bedachte Adlige, die fast voller Verachtung auf ihre verspielte Tochter herunterschaut, ihren Mann mit deren Cousin Tybalt betrügt und an dessen gewaltsamen Tod völlig zerbricht. Er ist der beherrschte Mann, der über den Fehltritt seiner Frau hinwegsieht und seine ganze Liebe und Fürsorge seiner Tochter zukommen lässt.

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Emiliano Torres, selbst bereits, ohne schon Solist zu sein, mit der Rolle des Romeos betraut, ist ein sehr ausdrucksstarker Tybalt, der vor seinem virtuosen Duell, erst mit Mercutio dann mit Romeo, als Betrunkener ganz und gar überzeugt. Und auch tänzerisch keine Wünsche offen lässt.
Auch er trägt (noch) nicht den Titel „Solist“: Lennard Giesenberg; dennoch verzaubert er momentan als Dichter in „Die kleine Meerjungfrau“ und ich erwarte mit Spannung seine Darstellung des Tadzio in „Tod in Venedig“ morgen.
Hier ist er als jugendlicher Bruder Lorenzo in Romeo und Julia ein überzeugend glaubwürdiger Freund, der, wie die Art seiner Gebete zeigt, tief gläubig ist und dennoch Verständnis für die Liebenden hat.

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Geht es um Louis Musin, möchte ich seine Leistungen manchmal kommentarlos und unprofessionell einfach mit: „Natürlich toll!“ beschreiben. Denn er gehört zu jenen, die mich in jeder Rolle in den Bann ziehen, ob in einem Handlungsballett, einem sinfonischen oder einem modernen Stück. Als Romeo ist seine Freude am (Tänzer)Sein, unübersehbar. Er ist schwärmerisch kindlich, wenn es um seine Verknalltheit in Rosalinde geht, treibt gerne Schabernack mit seinen Freunden. In dem Moment aber, wo er Julia sieht, wird er zu einem anderen Menschen. Seine Mimik, seine Gesten und Bewegungen ersetzen Worte, man meint stets zu wissen, was er fühlt. Dazu kommt seine unglaubliche Sprungkraft und die Einfühlsamkeit und Sicherheit in den Pas de deux. Ich bin sicher, er wird, pathetisch gesagt, einmal ein ganz Großer. Andererseits irgendwie ist er das ja schon, oder?

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Azul Arddizone in der Rolle der Julia ist der eigentliche Grund, warum ich dieses Mal so besonders auf das Nennen der beruflichen Titel bestehe, denn als sie vor zwei Jahren, mit nicht einmal 16 Jahren in dieser Rolle debütierte, war sie noch Schülerin der Ballettschule des Hamburg Balletts und ist es auch jetzt noch. Sie und die anderen zeigen einfach, dass Titel und Umfang der Partien völlig unwichtig sind, stimmen die Leistungen. Was absolut der Fall ist. Arddizone ist eine wahrhaft entzückende Julia. Ja, sie ist in den letzten zwei Jahren ein wenig erwachsener und technisch noch sicherer geworden. Bewunderungswürdig auch ihre Entwicklung von dem kleinen Mädchen, das aus Unsicherheit die Treppe hinunter stolpert, die Tanzschritte vergisst, weil sie sich nur noch auf den Fremden, der sie beobachtet, konzentrieren kann, bis hin zu der verzweifelt mit allen Sinnen Liebenden, die in einer Welt, in der sie nie wirklich zurecht gekommen ist, ohne den Geliebten nicht mehr leben will.

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Fehlt noch, wie immer am Ende eines Artikel genannt, die Hauptperson der jeweils beschriebenen Vorstellung. Heute Alessandro Lucia Frola als Romeos unkonventioneller Freund Mercutio.
Im vergangenen Jahr schrieb ich über ihn: Intensiv, authentisch, mitreißend sind nur einige der Worte, die wie maßgeschneidert für Alessandro Lucia Frola sind. Sein Mercutio spottet, liebt, kämpft und tanzt sich durch das Stück, völlig in dieser vielschichtigen Partie aufgehend und mit leichtfüßiger Sprungkraft, wunderschönen Armlinien und mehr. Mercutios Sterbeszene verursacht Gänsehaut, da Frola einfach nicht anders kann, als überzeugend ganz tief aus dem Inneren heraus zu agieren/tanzen. Er ist einfach ein Vollblutkünstler. Wunderbar. In seiner Rolle kommt Neumeiers Geschick Menschen zu kreieren, denen wir vielleicht nicht alltäglich aber doch sehr wahrscheinlich, wo auch immer, begegnen können oder in denen wir uns selbst vielleicht sogar zu einem gewissen Maße wieder finden, zum Vorschein.

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Ich habe mich entschlossen, mich selbst zu zitieren, weil ich momentan keine schöneren Worte finden kann, um ihn und seine Leistung zu beschreiben. Doch es war der Moment, als all seine Kollegen gemeinsam die Bühne verließen, um einzeln wieder zurückzukehren, ihm rote Rosen überreichend und fest umarmend. Es kam eine Art bittere Rührung auf, die kurz die Freude an der umjubelten, schönen Vorstellung trübte. Denn auch wenn der Mensch, der Frola dazu brachte zu gehen, selbst nicht mehr Teil des Hamburg Balletts ist, wurde das Publikum um das Erlebnis gebracht, Frola weiter zu erleben. Das Schlimmste? Die Abschiede von Jacopo Bellussi und Alessandro Lucia Frola sind ja nicht die einzigen, die unfreiwillig kündigten. Es folgen noch Christopher Evans, Madoka Sugai und Alexandr Trusch.
Aber bei aller Trauer bleibt die Dankbarkeit für all die, mit denen wir in die neue Saison starten und die uns sicher noch viele begeisternde Abende, wie diesen schenken werden.
Birgit Kleinfeld, Vorstellungsbesuch 9.7.2025