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Hamburg Ballett – Die Möwe: „Flug“ in die Freiheit Künstler:in zu sein

Titelbild: Ana Torrequebrada (Nina)
PhotoCredits: https://www.kiranwest.com/

Wie geplant, startete das Hamburg Ballett in die Spielzeit 25/26,wie es die letzte beendete: mit einer Wiederaufnahme, schon zu Volpi Zeiten geplant. Und so wie Shakespeare Julia überzeugt sein ließ, eine Rose würde, egal wie man sie nennt, immer süß duften, kann eine Aufführung natürlich auch begeisternd sein, ohne das Prädikat Premiere. Das bewies, das Hamburg Ballett, das durch die, Bewältigung Tour de Force, des vergangenen Jahres seine Besonderheit und Stärke auch Abseits, des für das Publikum Sichtbaren zeigte, bravourös und gewohnt mitreißend auf allen Ebenen in John Neumeiers Adaption von  Anton Tschechows  Die Möwe. Der langanhaltende Applaus war mehr als redlich verdient. Mein Fazit dieses Mal schon zu Beginn: Es wird eine harmonisch spannende, schöne Spielzeit, davon bin ich überzeugt.

Anna Laudere (Arkadina), Matias Oberlin ( Trigorin), Louis Musinx (Kostja), Ensemble
PhotoCredits: Kiran West

„Mein Ballett spricht durch Tanz, es ist Tanz!“ So John Neumeier zu seiner Adaption von Anton Tschechows Stück, das der russische Autor selbst immer als Komödie verstanden haben wollte: „Ich wollte einfach und ehrlich sagen: schaut euch an, seht doch, wie schlecht und langweilig ihr euer Leben führt!“ Er benutzte dazu ein Treffen von Personen aus der Moskauer Theater-Künstlerszene des zaristischen Russlands auf dem Lande und brachte eher durch Worte und Tonfall, als durch Aktionen, verborgene Sehnsüchte, Charaktereigenschaften, Meinungen und Liebesverwicklungen ans Licht. John Neumeier, neben Choreografie verantwortlich auch für Kostüme, Licht und Bühne verlegt die Geschichte in seine Welt, die Welt des Tanzes und dessen vielseitige Möglichkeiten alles Obengenannte auszudrücken.

Louis Musin (Kostja) /Probenfoto
PhotoCredits: Kiran West

Das Ballett beginnt eindrucksvoll stumm, lange bevor der Dirigent den Graben betreten hat, mit einem jungen Mann, der am vorderen Rand der Bühne sitzt und hochkonzentriert eine Papiermöwe faltet. Er ist Kostja, der Sohn der berühmten Tänzerin Irina Nikolajewna Arkadina, der sich künstlerisch ganz anders ausdrücken möchte als seine Mutter, nämlich durch das Ausdruckstanzstück „Die Seele der Möwe“. Das später dann zusammen mit seiner großen Liebe Nina, vor der auf einem Landsitz versammelten Gesellschaft wird ein Disaster und positives Aufsehen erregt allein Nina. Arkadinas Liebhaber und bekannter Choreograf Trigorin verführt sie erfolgreich mit dem Versprechen eine klassische Tänzerin aus ihr zu machen, sodass sie hm tatsächlich nach Moskau folgt. Hier landet sie in einer Revue, bemueht sich vergebens um Trigorin, der ihrer längst müde geworden ist und entdeckt, dass die Bühne einfach ihr Leben ist.Kostja, mag sich mit seinen Träumen, andere an dem Neuen teilhaben zu lassen, das er erschaffen hat und liebt, die Flügel gebrochen haben. Nina jedoch findet ihren Weg: Sie entscheidet sich dagegen , die von Trigorin längst verlassene und von Kostja noch geliebte Frau zu sein. Nein, sie nimmt sich die Freiheit Künstlerin zu sein und zu leben, was sie liebt. Ihr gelingt ein Neubeginn, nach dem sie sich schweren Herzens von Kostja verabschiedet hat.

Olivia Betteridge, Daniele Bonelli, Ensemble
PhotoCredits: Kiran West

Natürlich beschränkt sich Neumeier, wie auch Tschechow, nicht allein auf diesen recht gradlinigen Handlungsstrang, sondern gewährt durch unzählige tänzerische Stilmittel, wie auch schauspielerische Gesten, auch intensive, Einblicke in die laut Tschechow, „schlecht und langweilig“ gelebten Leben, aller Personen. Es gibt einige Liebesbeziehungen im Stil von Heines „Ein Jüngling liebte ein Mädchen …“, die zwar eher für Melancholie und Mitgefühl stehen, aber durchaus auch humorvolle Momente oder solche, wie aus dem Leben gegriffen wirken, wie zum Beispiel Arkadinas Unfähigkeit sich um ihren verletzten Sohn zu kümmern, die offensichtliche Selbstverliebtheit nicht nur Trigorins, sondern besonders des Arztes Jewgenij Sergejewitsch Dorn oder auch die Empathie für Kostja und seine Visionen von dessen ewig betrunkenen Onkel Pjotr Nikolajewitsch Sorin.

Louis Musin, (Kostja), Ana Torrequebrada(Nina), Ensemble
PhotoCredits: Kiran West


Die musikalischen Untermalungen stammen größtenteils aus der Feder von Dmitri Schostakowitsch. Seine Kompositionen und Neumeiers choreografische Ideen und Charakterstudien ergänzen sich zu einem vielschichtigen Ganzen, das tief berührt, mitreißt oder sogar ein wenig amüsiert. Letzteres gilt für die Szene, bei der Trigorins Ballett im klassisch russischen Stil gezeigt wird, liebevoll parodiert, inklusive effektvollen Sprung beim Applaus durch Trigorin (Matias Oberlin).Mitreißend bezieht sich die Revueszene in der Nina (Ana Torrequebrada) nur eine unter vielen ist und ihre Polka abseits der Revue, in der ihr bewusst wird: Hier gehör ich hin!

Anna Laudere (Arkadina), Matias Oberlin (Trigorin)
PhotoCredits: Kiran West

Alle Ensemblemitglieder des Hamburg Balletts gehören „hier hin“. Hier auf die Bühne der Hamburgischen Staatsoper, um uns, nach ihrer schwierigen Zeit, um Demis Volpi, in der sie statt seiner teilweise recht harscher Kritik durch die Presse ausgesetzt waren, mit ihrer Leidenschaft für durch Tanz erzählte Geschichten wieder zu begeistern, zu berühren und erfreuen. Die Gesellschaft die im Mittelpunkt dieses Balletts, besteht aus vielen unterschiedlichen Personen. Da ist die Gutsverwalter Familie Schamrajew mit Florian Pohl, Hayley Page als seine Gattin Polina und Xue Lin als die gemeinsame Tochter Mascha. Es hat etwas peinlich berührendes, weil so menschlich, wie Page,nicht ihren Gatten, sondern den sportbesessenen, selbstverliebten Arzt Jewgenij Sergejewitsch Dorn, wunderbar ignorant und arrogant dargestellt und getanzt von Joaquin Angelucci. Wirklich tragisch bewegend stellt dagegen die Xue Lin die große unerwiderte Liebe Maschas für Kostja (Louis Musin) da und Lennard Giesenberg als unerbittlich um Maschas Zuneigung kämpfender Lehrer Semjon Semjonowitsch Medwedenko besticht durch einfühlsame Empathie.

Lennard Giesenberg (Medwedenko), Xue Lin ( Mascha)
PhotoCredits: Kiran West

Alexandre Riabko als Kostjas Onkel Sorin schenkt uns eine virtuose, amüsante Charakterstudie eines Trinkers, der als einziger Verständnis für die unkonventionellen, neuen Ideen seines Neffen hat. Im Gegensatz zu Anna Laudere. Deren Arkadina ist jeder Zoll die berühmte Primaballerina, die sich in der Bewunderung ihrer Fans sonnt, und für die allein die eigene Kunst zählt und auch der eigene Sohn ein Fremder ist, dem sie hilflos gegenübersteht. Matias Oberlins Trigorin ist der typische Draufgänger, dem es (aufgrund seiner Position als berühmter Choreograf) gerne flirtet und verführt und es letztlich doch schafft, die ihm ergebene Nina weiter auszunutzen.

Schon der erste Pas de deux zwischen Ana Torrequebrada (Nina) und Louis Musin (Kostja) in dem er ihr seine Visionen nahebringt, geht tief unter die Haut, ist pure Liebe zwischen den Figuren. Auch in allen anderen Tänzen/Situationen vermitteln beide Empathie, Tanzkunst und Authentizität.
(Unter uns: Ich finde, spätestens Ende der Spielzeit ist eine Beförderung fällig)

Louis Musin, (Kostja), Ana Torrequebrada(Nina)
PhotoCredits: Kiran West

Erklärung zum Schluss: Mir ist bewusst, dass die großartigen Leistungen der Tänzer:innen hier eher skizziert als wirklich gewürdigt werden. Doch diese Würdigung hole ich in meinem Bericht über die Alternativbesetzung nach. Nicht in einem wertenden Vergleich, im Sinne von „besser“ und „schlechter“, sondern einfach um zu zeigen, wie bereichernd es für uns als Publikum sein kann, ein und dieselbe Geschichte auf unterschiedliche Art erzählt zu bekommen.

Nur soviel, ich hätte mir die begeisterten Standing Ovations, die John Neumeier bekam, auch für das gesamte Ensemble, Olivia Jeremias (Cello) Petar Kostov (Klavier), Konradin Seitzer (Violine) und das Philharmonisches Staatsorchester Hamburg unter der Leitung von Nathan Brock, gewünscht. Aber was nicht ist, …

Birgit Kleinfeld, Vorstellungsbesuch 21.09.205

https://hamburgballett.die-hamburgische-staatsoper.de/de/programm/ballett/485-die-moewe

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