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Staatsoper Hamburg – La Cenerentola: Die Zukunft aus der Vergangenheit gesehen

Titelbild: PhotoCredit: Klaus Lefebvre

Sie stehen für wunderschöne, positiv detailverliebte Inszenierungen: Renaud Doucet (Regie) und sein Ehemann André Barbe (Kostüme, Bühnenbild). Drei davon (La Belle Hélène, Die Fledermaus, La Cenerentola) spiel(t)en regelmäßig an der Staatsoper Hamburg. Momentan läuft eine Aufführungsserie von Rossinis Aschenputtel Interpretation: La Cenerentola. Die gesamte Besetzung ist spiel- und sangesfreudig, die Ausstattung erinnert an die fantastische Szenerie aus Fritz Langs Metropolis mit einem Hauch „Tim und Struppi auf dem Mond“. Alles gleicht einem Blick aus den 1930ern in eine fiktive Zukunft. Kurz: Begeisterung auf der Bühne, im Graben, wie auch im Saal sind unüberhör-  und „unüberspürbar“!

Maxim Miranov (Ramiro). Maite Beaumont (Cenerentola)
PhotoCredit: Klaus Lefebvre 2011

„Bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter!?“

Anders als bei Aschenputtel, dem Märchen der Gebrüder Grimm gibt es in der Oper, die auf einer Erzählung von Charles Perrault beruht, keine böse Stiefmutter, sondern Don Magnifico, den Stiefvater, die gute Fee ist hier Alidoro, ein weiser Philosoph und Lehrer, und Prinz Ramiro tritt Cenerentola anfangs als sein eigener Diener Dandini entgegen. Zum Happy End „bestraft“ Cenerentola Stiefvater und -schwestern Tisbe und Clorinda damit, dass sie allen verzeiht, bevor sie in dieser Produktion in einer rot-weisen Rakete mit ihrem Prinzen in den Honeymoon startet. Diese Interpretation von „… und wenn sie nicht gestorben sind, …“ ist nur das bekannte „Tüpfelchen auf dem i“, der Schlussakkord nach einem Reigen aus Einfällen, so spritzig, witzig und fantasievoll wie Gioachino Rossinis Musik. Oft ist die Personenregie regelrecht durchchoreografiert, es gibt Anspielungen auf die Tanzszene aus Pulp Fiction und sicher noch vieles mehr, das es lohnt, es (selbst) zu entdecken.

PhotoCredit: Klaus Lefebvre 2011

Die Produktion ist angelegt als eine Art Castingshow mit dem Titel Diventa sua moglie/Werden Sie seine Frau!. Und so fahren übergroße Kameras über die Bühne, der Herrenchor der Hamburgischen Staatsoper trägt Antennen oder ähnliches auf den (Ferrari)roten Cappies, wundersame Animateure/Assistenten amüsieren und faszinieren auf Rollschuhen.

Die Themen „Zurück in die Zukunft“ und auch „Das Weltall, unendliche Weiten“ ist nicht selten spürbar: Na ja, dieser Vergleich ist sicher meiner sprachlichen Eitelkeit geschuldet und als Metapher nicht perfekt. Doch ich denke, Sie verstehen, was ich meine. Auf jeden Fall steht diese Oper für zweieinhalb Stunden ungetrübte Freude an Musiktheater.

Renate Sprengler (Tisbe), Gabriele Rossmanith (Clorinda), Victor Rud (DAndini)
PhotoCredit: Klaus Lefebvre
2011

Vielleicht gibt es nicht so große Hits wie im Barbiere …

… doch natürlich fehlen auch in La Cenerentola nicht die virtuosen Arien für Tenor (Si ritrovarla io giuro) und Mezzosopran (Non píumee), die Buffo–Szenen für Bässe und Bariton. Dominierend sind jedoch die wunderbar mitreißenden Chor- und Ensembleszenen wie zum Beispiel: Zitto, zitto: piano, piano oder das herrliche Sextett aus dem 2. Akt: Questo è un nodo avviluppato,

Francesco Lanzillotta und das Philharmonisches Staatsorchester Hamburg begeisterten mit ihrer Interpretation schon mit der Ouvertüre. Besonders auffallend war Lanzillottas Empathie den Sängern wie auch der besonderen Situation des Abends gegenüber, da eine Rolle von der Seite aus gesungen aber auf der Bühne gespielt wurde.

Tigran Martirossian, in der Pemierenserie der Philosoph Alidoro, porträtierte den exzentrischen Don Magnifico mit viel Humor, Comic und ausdrucksstarkem, sicher geführtem Bass. Auch seine große Szene Noi Don Magnifico meisterte er mit schöner Stimme und Witz.

Maite Beaumont (Cenerentola), Tigran Martirossian (Alidoro)
PhotoCredit: Klaus Lefebvre 2011

Erwin Schrott, dessen Dank beim ersten Schlussapplaus sofort den oberen Rängen galt, verlieh seiner Figur Alidoro, trotz Kostüm-bedingter Bewegungseinschränkung, viel eigene Präsenz und brillierte stimmlich wie gewohnt.

Auch Efraín Solís als Dandini konnte auf ganzer Linie durch Charme, Spielfreude und Gesang überzeugen. Er genoss die Rolle des falschen Prinzen, flirtete besonders mit Thisbe und hatte einen Heidenspaß daran, Magnifico vorzuführen.

Kady Evanyshyn (Tisbe) und Narea Son (Clorinda) liefen sich darstellerisch gegenseitig den Rang ab als herrlich zickige Stiefschwestern. Evanyshyn überzeugte auch stimmlich einmal mehr, Son jedoch verdammte eine starke, sich auf die Stimme legende Allergie dazu, stumm zu bleiben. Alice Rossi, die kurzfristig aus Dresden anreiste, übernahm lebendig gestikulierend mit sichtlicher Freude und wunderschön klarem Sopran, von der Bühnenseite den Gesang. Hochachtung und herzlichsten Dank an beide Künstlerinnen für ihren wunderbaren Einsatz!

Maxim Miranov (Ramiro),
PhotoCredit: Klaus Lefebvre 2011

Anton Rositskiys (Ramiro) sehr lyrische Stimmfärbung passt perfekt zu Rossini und dessen hohe Ansprüche besonders an Tenöre. Die Höhen bei Si ritrovarla io giuro klangen absolut sicher, wenn auch hier und da ein ganz klein wenig scharf. Seinen Gesang zeichnet jedoch eine natürliche Leidenschaft aus, die alles vergessen lässt.

Raffaella Lupinacci (Cenerentola) zeichnet ein sehr umfangreiches Tonregister aus, mit viel Wärme besonders in Tiefe und Mittellage. Auch sie lässt sich mitreißen von Musik und Regie, verleiht ihrer Partie in jeder Szene, jedem Kostüm genau die richtige Mischung an Scheu, Güte, Leidenschaft und verzeihender Selbstsicherheit. Zuhause bei Stiefvater und -schwestern ist sie im gestreiften Uniformkleid das ergebene Dienstmädchen, auf dem Ball dann erstrahlt sie in Schwarz mit bunt blickenden LED-Applikationen, um schließlich in einem hautengen Weltraumanzug wahrhaft königlich mit ihrem Prinzen in ein neues Leben zu starten.

Fazit:: Ein Abend, der mit Jubel für alle endete und das Publikum mit einem Gefühl von Leichtigkeit in die fast laue Hamburger Vorfrühlingsnacht entließ. Allerdings auch mit einem Hauch Wehmut und Traurigkeit, findet doch am 15.3. nicht nur die letzte Aufführung von La Cenerentola statt, sondern auch die auf unabsehbare Zeit letzte Vorstellung einer Barbe/Doucet Produktion. Schade.

Birgit Kleinfeld, Vorstellungsbesuch 12.3.2024

Links:

https://www.staatsoper-hamburg.de/

https://www.barbedoucet.com/

http://www.francescolanzillotta.com/

https://www.efrainsolis.com/

https://www.martirossian.com/

https://www.kadyevanyshyn.com/

https://erwinschrott.com/

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